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"Nicht auf dem rechten Auge erblinden" - Ostermarsch-Rede von Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar

Die Rampe erinnert an die Deportationen von Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager und an die in der Nazizeit zur Zwangsarbeit Verpflichteten, die mit dem Zug nach Deutschland „transportiert“ wurden. Traditionell führt die Ostermarsch-Route, die am Halitplatz startet, zunächst zur Rampe, wo in diesem Jahr Prod. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar sprach. Hier sein Vortrag:


Liebe Freundinnen und Freunde,die Ihr euch für den Frieden einsetzt,
Wir stehen hier an der Rampe. Sie ist ein Werk von E. R. Nele, das für die Internationale Kunstausstellung „Stoffwechsel K 18" im Jahre 1982 geschaffen wurde. Mäntel, Umhüllungen von Menschen, stürzen und fallen aus einem Güterwaggon. Nele hat ihr Werk „Die Rampe. Ankunft und Ende“ genannt und an Jorge Sempruns Buch „Die Reise“, die seinen eigenen „Transport“ in das KZ Buchenwald zum Thema hat, erinnert. Die Künstlerin, Tochter des Documenta-Gründers Arnold Bode, ist in der Kasseler Nordstadt aufgewachsen und hatte den Hall der gleichmäßigen Schritte der morgens durch die Holländische Straße zur Arbeit marschierenden Zwangsarbeiterkolonnen nicht vergessen.

Die Rampe erinnert mahnend an die Deportationen von Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager sowie an die in der Nazizeit zur Zwangsarbeit Verpflichteten, die auf dem Schienenweg nach Deutschland „transportiert“ wurden. Das Mahnmal befindet sich auf dem ehemaligen Grundstück eines der größten Kasseler Rüstungs- und Waffenschmieden des Zweiten Weltkrieges: der Firma Henschel & Sohn, bei der Tausende von Ausländern Zwangsarbeit leisten mussten. Zwangsarbeit im Deutschen Reich – das hieß für viele junge Menschen in Polen, Russland, in den Niederlanden oder in Frankreich: von der Arbeit oder der Wohnung, der Familie und den Freunden unmittelbar in den Zug verfrachtet zu werden und irgendwo weit weg in einem fremden Land unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und in einem Barackenlager leben zu müssen. Für dieses gewaltsame Verschleppen von Menschen steht die Rampe.

Die Universität Kassel hat mit diesem Mahnmal auch zum Ausdruck bringen wollen, dass es zu den Aufgaben der Wissenschaft gehört, die gesellschaftlichen und politischen Folgen des Forschens und Lehrens zu bedenken sowie ein aufgeklärtes historisch-kritisches Bildungsverständnis zu befördern. Die Rampe ist in den Erinnerungsweg zum Standort der Universität am Holländischen Platz einbezogen. Nach dem Abschluss der hier laufenden Bauarbeiten wird sie im zentralen Eingangsbereich an der Moritzstraße ihren endgültigen Ort finden.

Es hat Zerstörungen des Mahnmals und der Gedenktafeln gegeben. Einer Initiative eines Kasseler Berufsschullehrers und Auszubildender des Kasseler Ausbesserungswerks der Deutschen Bahn verdankte die Rampe im Jahre 2001 eine vollständige fachgerechte Instandsetzung. Das Werk findet auf diese Weise seinen festen Ort im Bewusstsein derer, die hier wohnen oder häufig vorbeigehen.

Das Mahnmal wurde am 8. Mai 1985 eingeweiht. Das war kein zufälliges Datum. Am 8. Mai 1945 endeten die Schrecken des Weltkriegs. Für die Verfolgten und Misshandelten war es der Tag der Befreiung.

Wir wissen, dass die Zwangsarbeit und der Holocaust im und durch den Krieg erst realisiert werden konnten. Ein Blick zurück kann hilfreich sein:
Der Nationalsozialismus mit seinen Kriegszielen hat sich 1933 in Deutschland nicht zuletzt auch deshalb durchsetzen können, weil die Friedensbewegungen von nationalistischen und kriegerischen Kampagnen bereits vor der Machtergreifung diffamiert und ausgegrenzt wurden. „Pazifismus“ galt diesen Kampagnenführern als Landesverrat oder als Feigheit schlechthin.

Gerade hier in Kassel wurde dies gegen den Pazifisten Hein Herbers Anfang des Jahres 1932 durchexerziert. Herbers war Studienassessor am Realgymnasium II und Vorstandsmitglied der „Deutschen Friedensgesellschaft“. Anlass war der erneute Abdruck seines zuerst 1929 veröffentlichten Artikels „Willst Du lange leben? – Werde General!“ Herbers verwies darin auf das hohe Alter zahlreicher Generale und Heerführer (so nannte er u.a. von Bülow, von der Goltz, von Falkenhayn, von Tirpitz und Ludendorff) und wies besonders auf den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hin. Aus deren hohem Lebensalter zog er die Schlussfolgerung, dass diese Generale sich dem Soldatentod mit allem Geschick entzogen hätten. Die Pressekampagne gegen Herbers wurde in der „Kasseler Post“ unter der Überschrift „Schmähung Hindenburgs – Sudeleien eines sozialistischen preußischen Studienrats“ eröffnet. Herbers wurde als „Volksverhetzer“, „Seelenvergifter“ und als „Schädling“ diffamiert, die Zeitung sprach von der „schleichenden Volksseuche des vaterlandslosen Pazifismus“. Sie forderte, dass die deutsche Jugend von ihm „erlöst“ werde. In der Tat wurde Herbers noch vor 1933 vom Dienst suspendiert und im April 1933 vom NS-Staat entlassen. Er emigrierte 1934 in die Niederlande und unterrichtete bis zu seinem Tod im Jahre 1968 an der Schule des Reformpädagogen Kees Boeke in Bilthoven, an der auch drei Kinder von Königin Juliana zeitweise unterrichtet wurden, so auch Beatrix, die spätere Königin der Niederlande.
Vergessen wir Hein Herbers nicht! Sein Engagement für den Frieden ist aktueller denn je.

Rechtsextremistische Gewalttaten steigen.
Der Rechtspopulismus schafft innere Feinde.
Bis zum September 2015 wurden mehr als 450 Haftbefehle gegen 372 rechtsmotivierte Straftäter nicht vollstreckt.

Die Rampe zeigt, wohin es führen kann, wenn Arbeit für den Frieden von vorneherein diskreditiert und verächtlich gemacht wird. Stärken wir den Rechtsstaat und die Demokratie, indem wir uns für sie einsetzen, wo auch immer wir leben und arbeiten. Geben wir Acht, dass unsere Verantwortlichen nicht auf dem rechten Auge erblinden.