Stichworte zum Hiroshimagedenktag 2016
Der Redebeitrag von Albert Pinkvohs am Hiroshima-Ufer in Kassel:Ich beabsichtige, die Geschichte der Atomwaffen und den Widerstand gegen die Atombewaffnung in Stichworten darzustellen in der Hoffnung, dadurch Erinnerungen wachzurufen.
1. Der Abwurf der ersten Atombombe 1945 und seine Auswirkungen
Am 6. August 1945 fiel die erste Atombombe auf Hiroshima. Am 9. August wurde die zweite Atombombe über Nagasaki gezündet.
Ein Feuerball von 500 Metern Durchmesser verursachte ein Inferno. In dieser Todeszone waren in Hiroshima in Sekunden von 80.000 Menschen nur noch Überreste auffindbar. Von Weiteren 14.000 fehlte jede Spur. Ca. 100.000 – andere Quellen gehen von 170.000 - starben in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren bis heute. Grausame Qualen gingen dem langsam Sterbenden voraus. Die Verwundeten beneideten die Toten.
Der Kreis der vollständigen Vernichtung betrug 1 km im Durchmesser. Der des fast sicheren Todes 4 km im Durchmesser. Bis zu 4 km vom Zentrum erlitten im Freien angetroffene Personen lebensgefährliche Verbrennungen. Die strahlungsbedingten Schäden wirkten sich noch auf die folgenden Generationen aus: undefinierte Krankheiten, Schäden an Embryonen, Behinderungen, Leukämie und Krebs.
Wie hätte sich ein solcher Atombombenabwurf auf Kassel ausgewirkt? Die Innenstadt wäre ausradiert, an der Stadtgrenze bis Lohfelden, Niestetal, Fuldatal und Vellmar würde in einer Druckwelle von 120 km/h alles weggeblasen was nicht fest verankert war. Auf dem Plakat sind die Auswirkungen einer Hiroshimabombe auf Kasel dargestellt.
Eine Ahnung von den Belastungen vermittelten auch die Auswirkungen des Kernkraftunglücks von Tschernobyl von 1986. Der Wind trieb die verstrahle Wolke bis ins ca. 1.500 km entfernte Mitteleuropa. Regen fiel aus der Wolke. Kinder durften nicht mehr nach draußen. Die Erde war verstrahlt: die Pilze, die Milch, die Pflanzen, das Gras und das Gemüse kontaminiert. Die Entsorgung der kontaminierten Lebensmittel kostete Tausende. Noch heute dürfen die in einigen Teilen Bayerns geschossenen Wildschweine nicht in den Handel gebracht werden.
2. Wettrüsten und die Reaktionen
Man sollte nun meinen nach den Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki, der weltweiten Bestürzung über die Folgen des Atombombenabwurfs, würde die weitere Entwicklung nuklearen Kriegsmaterials eingestellt. Aber es folgte ein Wettrüsten und Atombombenversuche:
In den USA wurden mehrere hundert Atombomben dem Militär zur Verfügung gestellt. 1949 wurde in der Sowjetunion ihr erster Atombombenversuch gezündet. England folgte mit Atomtests.
In den 50er Jahren wurde immer deutlicher dass die überirdischen Versuche mit Atombomben und Wasserstoffbomben strahlendes Material freisetzten, eine Gefährdung für die Menschheit.
Gegen das atomare Wettrüsten und die Atombombenversuche entstanden seit 1945 zahlreiche Initiativen, Apelle und Friedensorganisationen.
Dazu einige Beispiele:
- 1950 Stockholmer Apell des Weltfriedensrates für das Verbot aller Atomwaffen
- 1954 Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises von Albert Schweitzers
- 1956 Rundfunkrede Karl Jaspers „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“, (publiziert 1961)
- 1957 Die „Göttinger Erklärung“ von 18 Wissenschaftlern u.a. Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizäcker
- 1957/58 Radioreden von Albert Schweitzer:
- 1957 „Appell an die Menschheit“ und
- 1958 drei Reden „Friede oder Atomkrieg“ - Den Reden Albert Schweitzers haben wir mit Spannung am Radio gelauscht und in einer kleinen Gruppe über die Auswirkungen der Atomtechnologie diskutiert.
Schon 1950 gab es erste Initiativen zur Weltfriedensbewegung, in Deutschland gepaart mit dem Widerstand gegen die Wiederbewaffnung. Im zentralen Arbeitsausschuss zum „Kampf dem Atomtod“ entstand 1958 ein breites Bündnis von SPD, DGB, FDP, Vertretern der ehemaligen Gesamtdeutschen Volkspartei, der EKD, des Linkskatholizismus. Die Bewegung brach zusammen, nachdem es für den Streik keine Mehrheit gab und vom Bundesverfassungsgericht die Volksbefragung verboten wurde, auf die sich das Bündnis geeinigt hatte. Die Mehrheit des Bundestages unter Führung der CDU/CSU hatte sich durchgesetzt: Die Bundeswehr wurde seit 1955 aufgebaut und die bereits stationierten atomaren Kurzstreckenraketen blieben unter dem Oberbefehl der US-Armee - bis heute!
- 1960 fand der erste Ostermarsch statt.
- 1963 Der Teststoppvertrag verbietet alle Kernwaffenversuche mit Ausnahme der Unterirdischen.
- 1968 wird der Kernwaffensperrvertrag abgeschlossen, der die Weiterverbreitung von Atomwaffen verboten hat.
- Doch wer auf eine Atempause und die Einsicht der Politiker gehofft hatte, irrte sich:
- 1977 begann die Diskussion um den Einsatz der Neutronenbombe.
- Neue Waffenarten und Trägersysteme waren entwickelt, so dass kleinere Atomsprengköpfe und auch die Neutronenbombe als taktische Nuklearwaffen eingesetzt werden konnten.
- 1979 wurden im NATO-Doppelbeschluss die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper beschlossen (Pershing II und Cruise Missile).
Mitte der sechziger Jahre waren die Aktivitäten der Friedensbewegung abgeflaut. Ende der 70er und in den 80er Jahren wuchs der Widerstand gegen die Aufrüstung und den NATO-Doppelbeschluss.
Eindrucksvoll war 1981 die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten mit über 500.000 Teilnehmern.
Ab den 80er Jahren wurde der Ostermarsch zu einem jährlich wiederkehrenden Höhepunkt der Friedensbewegung - auch in Kassel.
Zahlreiche Städte und Gemeinden erklärten sich als atomwaffenfreie Zone. Im Oktober 1983 trafen sich BürgermeisterInnen und KommunalparlamentarierInnen verschiedener Städte in Kassel unter dem Motto "Gemeinden für den Frieden". Sie verabschiedeten ein Manifest, indem sie ausdrücklich ihre Verantwortung für den Frieden betonten. An den Haupteinfallstraßen Kassels wurden Schilder aufgestellt, mit der Überschrift „Keine Atomwaffen für Kassel“ Der Magistrat gab 1984 die Broschüre „Gemeinden für den Frieden“ heraus. Die Ausstellung im Bürgersaal des Rathauses 1985 hatte den Titel „Hiroshima-Nagasaki-Kassel - Die Zerstörung der Städte im Zweiten Weltkrieg“. Sie wurde in einer Broschüre dokumentiert. Auch hatte die Stadt Kassel eine Geschäftsstelle „Gemeinden für den Frieden“ zur Koordination der kommunalen Initiativen eingerichtet, die jedoch nach dem Politikwechsel 1993 geschlossen wurde.
Aufgrund der Erfolge der Friedensbewegung und des weltweiten Drucks der Bevölkerung kam es zu Abrüstungsschritten – besser ausgedrückt zur Beschränkung der Rüstung:
im INF-Vertrag von 1987, (Washingtoner Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme)
- In START I 1991 und START II 1993/96 (Vertrag zur Verminderung strategischer Waffen).
- 1992 trat der KSE-Vertrag (Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa) in Kraft.
- Unterstützt wurde unsere Forderung auf Abrüstung und eine Welt ohne Atomwaffen durch den Spruch des Internationalen Gerichtshofes (IGH) 1996, der feststellte, dass die Androhung des Einsatzes und der Einsatz von Atomwaffen generell gegen das Völkerrecht und im Besonderen gegen die Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts verstoßen.
3. Nach Hoffnungen heute
Auf dem ersten internationalen Nukleargipfel in Prag 2010 proklamierte Obama die Vision einer atomwaffenfreien Welt. Spätestens nach dem vierten internationalen Nukleargipfel in Washington im Frühjar 2016 zerplatzte diese Hoffnung. Stattdessen droht ein neuer Rüstungswettlauf.
Die NATO beabsichtigt, neue, zielgenauere und flexibel einsetzbare Waffen mit atomaren Sprengköpfen zu entwickeln und zu stationieren. Damit beginnt eine neue gefährliche Runde der atomaren Aufrüstung, auf die andere Staaten ebenfalls mit Aufrüstung reagieren werden.
Geplante Elemente der Aufrüstung:
Die B61-Bombe ist in den USA bereits in der Testphase. Sie ist nur einer von fünf Atomsprengkopftypen, die in den nächsten 30 Jahren in Dienst gestellt werden sollen. Rund tausend neue Marschflugkörper sind vorgesehen, die von Fernbombern weitab vom Ziel abgefeuert werden können. Die Anschaffung neuer Atomunterseeboote, Minuteman-Raketen, 180 neue Fernbomber sind geplant. Zugleich wird die Sprengkraft der Bomben variabel. Ihre Zerstörungswucht kann von dreimal Hiroshima bis auf zwei Prozent Hiroshima eingestellt werden. Dadurch wird die Neigung der Militärs wachsen, sie unbekümmert einzusetzen.
Schon eingesetzt haben hat das Militär Munition mit abgereichertem Uran als panzerbrechende Waffen. (Zum Beispiel im Serbien/Kosovo Krieg und im Irak.) Sie hinterließen strahlende Panzer-Wracks.
Einbezogen in die Modernisierung des US-Atomarsenals sind die in Deutschland stationierten Atomwaffen, 20 Atomsprengköpfe im rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel.
Im Koalitionsvertrag von 2009 war der Abzug der in Deutschland stationierten Atomwaffen gefordert, am 26. März 2010 hatte der Bundestag beschlossen, die US-Atomwaffen von deutschem Boden abzuziehen - doch geworden ist daraus bisher nichts. Im Gegenteil: Die deutsche Bundesregierung will sich laut Medienberichten in den nächsten Jahren maßgeblich an der Modernisierung des Bundeswehrstandorts Büchel beteiligen.
Auf dem NATO-Gipfeltreffen in Warschau am 08.-09.07.2016 wurde neben der Aufrüstung geplant, in Polen ein Brigade-Hauptquartier zu errichten und mehr Soldaten in den östlichen Mitgliedstaaten zu stationieren. Die Aufrüstung und Modernisierung der Atomwaffen sowie das Vorschieben der NATO-Grenze stellen eine Provokation und eine Gefährdung des Friedens dar, eine Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen.
Der Wiederstand gegen die Atomwaffen in der Bevölkerung der Bundesrepublik wächst: 85 % haben sich dafür ausgesprochen, die US-Atomwaffen von deutschem Boden abzuziehen und 93 % befürworten ein völkerrechtliches Verbot der Atomwaffen.
In 200 Städten Deutschlands haben die BürgermeisterInnen am 08.Juli Flaggen der „Mayors for Peace“ vor ihren Rathäusern gehisst, um für die Abschaffung von Atomwaffen zu werben.
In Büchel lagern zwanzig Atomsprengköpfe. Zwanzig Wochen ab dem 26. März haben Gruppen vor Ort mit ihren jeweiligen Symbolen Mahnwache gehalten. Sie werden dies bis zum 9. August noch als gewaltfreie Aktionen durchführen.
Wir mahnen zur Beendigung der nuklearen Bedrohung und fordern:
- Die weltweite Abschaffung von Atomwaffen
- Die Ächtung der Uranwaffen
- Den Ausstieg aus der Atomtechnologie
- Eine konsequente Abrüstungs- und Entspannungspolitik
Wir erinnern an die nächsten Aktionen:
- Antikriegstag am 1. September 2016,
- Bundesweite Demonstration in Berlin am 8. Oktober 2016,
- Friedenspolitischen Ratschlag am ersten Wochenende im Dezember.




