E-Mail-Verteiler
Hier können Sie sich in unseren E-Mail-Verteiler eintragen

Termine

Eckart Spoo: Solidarischer Weggefährte für soziale Gerechtigkeit und Frieden

Eckart Spoo (geboren am 19. Dezember 1936 in Mönchengladbach, gestorben am 15. Dezember 2016 in Berlin) mit der Schauspielerin Käthe Reichel (links) und dem Schriftsteller Peter Handke, Foto G. Senft
Am 15. Dezember 2016, kurz vor seinem 80. Geburtstag, verstarb der Journalist und Publizist Eckart Spoo. Wir verlieren mit ihm einen langjährigen Mitstreiter für Frieden und soziale Gerechtigkeit.

Als Journalist und Publizist sah er wie die voranschreitende Monopolisierung der Zeitungsverlage zur zunehmenden Vereinheitlichung der Nachrichten führte und gründete nach seiner Entlassung in den Ruhestand (1997) mit anderen Publizisten die Zeitschrift Ossietzky. Eckart Spoo war viele Jahre Chefredakteur dieser Zeitung, deren Aufgabe es ist, aufklärend, antimilitaristisch und antifaschistisch zu wirken.

1999 gehörte Eckart Spoo zu den 10 Gewerkschaftern, die während des Kosovo-Krieges nach Jugoslawien (Serbien) reisten, um der allgemeinen Befürwortung des Krieges durch die Gleichschaltung der Mainstreammedien eine andere Berichterstattung entgegenzusetzen. Selbst der damalige DGB-Vorsitzende Schulte sprach sich für diesen Kriegseinsatz aus. Es ging also auch darum, in den Gewerkschaften zu zeigen, dass nicht alle Mitglieder mit dieser Politik einverstanden waren und dass es von enormer Wichtigkeit war, der von den Bombenangriffen betroffenen Bevölkerung, Solidarität zu übermitteln. Die Gewerkschaftsgruppe nannte sich deswegen "Dialog von unten statt Bomben von oben". Die Gewerkschafter besuchten die Orte der Zerstörung und sprachen mit Gewerkschafter und anderen Menschen vor Ort. Danach berichteten sie deutschlandweit über diese Reise und die Auswirkungen der Nato-Angriffe. Auch aus Jugoslawien kamen Gewerkschafter nach Deutschland, um über die Folgen des Krieges zu erzählen. Außerdem wurde für soziale Projekte und z.T. sogar für den Wiederaufbau Geld gesammelt. Das Kasseler Friedensforum hat in Folge dieser Reise heute noch gute Kontakte zu KollegInnen in Belgrad und Kragujevac und unterstützt noch immer zwei der sieben Kinder, die beim Bombenangriff auf den belgrader Fernsehsender RTS ihre Väter verloren.

Ein Nachruf von der Redaktion Ossietzky und ein Nachruf von Rolf Becker (Schauspieler) sowie ein von Eckart Spoo verfasster Artikel zu seinem Leben und Berichte über die Reise in Serbien während des Kosovo-Krieges, wurden am Wochenende in der Jungen Welt veröffentlicht.

Der Artikel "Kämpferischer Humanist" kann hier gelesen werden.

Und ein Vortrag zu den Kriegen unserer Zeit und der Kriegspropaganda von 2011.

Nachfolgend die Reiseberichte von Eckart Spoo vom 23./ 24./ und 25. Mai 1999.


Der zwölfte Angriff

Auf der Fahrt nach Belgrad, Pfingsten, 23./24. Mai 1999

Ankunft in Novi Sad nach Mitternacht, um vier Stunden verspätet, weil ungarische Grenzpolizei den Bus aus Jugoslawien, der uns aus Budapest abholen sollte, abgewiesen hatte. Dem Fahrer gelang die Einreise dann über einen anderen Grenzübergang. Novi Sad liegt bei unserer Ankunft im Dunkeln, totaler Stromausfall, weil wieder einmal eine Graphitbombe der NATO ein Kraftwerk getroffen hat. Um 23 Uhr war Luftalarm gegeben worden, um 6 Uhr früh gibt es Entwarnung. Im Stadtgebiet von Novi Sad sind diesmal keine Bomben eingeschlagen, aber in 20 Kilometern Entfernung.

Zwei Kollegen des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes, die beide jahrelang in Deutschland gearbeitet haben, begleiten uns ab jetzt. Wir besuchen die zerstörte petrochemische Fabrik. Sie liegt auf einem Gelände von etwa zwei mal zwei Kilometern. Elf Angriffe haben sie zum großen Teil zerstört. Der Schaden wird auf eine Milliarde US-Dollar beziffert. Hier und in dem zweiten petrochemischen Werk in Pancevo haben zwanzigtausend Menschen ihre Arbeitsplätze verloren. Ob die Fabriken je wieder aufgebaut werden können, wird sich erst nach Bodenuntersuchungen herausstellen, die Monate dauern. Wir werden vor dem Berühren der weit verstreuten riesigen Kesselteile und anderen Metalltrümmer gewarnt wegen Strahlungsgefahr durch Uranmunition (abgereichertes Uran).

In dem Arbeiterwohnviertel Detelinara besuchen wir eine Grund- und Hauptschule, die dreimal angegriffen wurde. Der Rektor kann sich die wiederholten »punktgenauen« Angriffe auf seine Schule nicht erklären. In zwei benachbarten Wohnblocks sind viele Wohnungen zerstört. Ein 68jähriger Dreher berichtet uns, wie er in seiner Wohnung den Luftangriff erlebte und sich an einem Teppich aus dem Fenster abseilte, um die Kinder aus dem Keller zu retten. Er hat hier 33 Jahre gewohnt und regelmäßig mit einem Teil seines Arbeitseinkommens die Wohnung abbezahlt, bis sie sein Eigentum war. Jetzt hat er nichts mehr.

Ein Schaden von siebzig bis achtzig Millionen Dollar ist durch die völlige Zerstörung des modernen Fernsehsenders von Novi Sad entstanden, der ein wichtiges Glied der europäischen Fernsehkette war. Dieser Sender hat täglich Programme in sechs Sprachen ausgestrahlt und versorgte die zahlreichen ethnischen Gruppen. Seine Arbeit für die interethnische Verständigung ist mit dem europäischen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Bei einem Treffen mit jugoslawischen Kolleginnen und Kollegen im Gewerkschaftshaus von Novi Sad erfahren wir, dass es in der Vojvodina bis zum Ausbruch des Krieges zwischen den 26 verschiedenen ethnischen Gruppen keine Zusammenstöße gegeben habe. Die systematischen Angriffe auf die Fernsehstationen können keinen anderen Zweck haben, als den Aggressoren die Propagandaoberhoheit zu verschaffen. Getroffen wird nicht nur die Informationsfreiheit der jugoslawischen Bevölkerung, sondern auch unsere, denn über die Opfer der Bombardements erfahren wir in Deutschland nicht durch die NATO, sondern meist nur durch das jugoslawische Fernsehen, wenn das deutsche von ihm Aufnahmen übernimmt.

Beim Übersetzen über die Donau, auf dem Weg zum Fernsehsender und den Fernsehstudios, erhalten wir einen Eindruck von den zerbombten Brücken. Die Donau ist hier 700 Meter breit. Unter der zerbombten »Freiheitsbrücke« verlief die Hauptwasserleitung, durch die Novi Sads südliche Stadtteile mit Trinkwasser versorgt wurden. Eine Folge ihrer Zerstörung ist, dass das über Jugoslawien hinaus bekannte herzchirurgische Zentrum von Novi Sad seine Arbeit einstellen musste. Die »Freiheitsbrücke« war nach dem Sieg über die deutsche Wehrmacht gebaut worden, die 1941 die alte Brücke zerbombt hatte, deren gemauerte Pfeiler heute noch wenige hundert Meter entfernt aus dem Wasser ragen.

Wir sind mit unserm Bus zwanzig Minuten unterwegs in Richtung Belgrad, als im Norden in etwa 25 Kilometern Entfernung hohe schwarze Rauchwolken aufsteigen. Aus den Radionachrichten erfahren wir, dass die Raffinerie, die wir vorhin besucht haben, wieder bombardiert wurde.

Eine humanitäre Katastrophe, Belgrad/Kragujevac, 25. Mai 1999

In Belgrad haben wir uns ein Bild von den Folgen der Bombenangriffe machen können, z. B. der chinesischen Botschaft und der unmittelbar daneben liegenden Musikschule. Nach Mitternacht sind wir zur Belgrader Donaubrücke gegangen, auf der sich jeden Abend eine Menschenmenge versammelt mit der angesteckten Zielscheibe »Target«. Es gibt Alarm, auf einmal stehen wir allein auf der Brücke. Die Menschen glauben nach all ihren Erfahrungen, dass die NATO-Piloten auch Brücken mit Menschen darauf bombardieren werden. Wir gehen die zehn Minuten zu unserm Hotel »Moskwa« im Zentrum der Stadt, ziemlich schnell, aber nicht in den Luftschutzkeller, sondern bleiben auf dem Zimmer, öffnen die Fenster und sehen zum Himmel hinauf.

Zehn Minuten vor vier beginnt die Flak zu schießen. Es hört sich an wie Geprassel, bald näher, dann wieder ferner. Ein sirrendes, leise pfeifendes Geräusch über uns. Die Maschinen fliegen in etwa fünf Kilometern Höhe über Belgrad.

Dann unerwartet der Einschlag, nahe, sehr hart metallisch, ganz anders als bei Bomben. Das Innenministerium ist getroffen, das schon einmal bombardiert worden war. Am nächsten Morgen sehen wir uns die Ruine des völlig zerstörten Fernsehsenders an. Ein Techniker, der das Bombardement trotz hohen Blutverlustes überlebt hat, erzählt uns, er habe wenige Minuten vorher die Etage, in der seine Kolleginnen und Kollegen getötet wurden, verlassen. Er habe alle gut gekannt. Aber sechs seien immer noch vermisst. Nichts sei bisher von ihnen gefunden worden, als seien sie durch die Hitze verdampft. 130 Kolleginnen und Kollegen des Senders wurden verletzt, einige sehr schwer. Sie liegen noch in den Krankenhäusern. Unmittelbar am Sender liegt das Belgrader Kindertheater vor einer Kirche, auf der anderen Seite der Straße. Vom Kirchendach haben sie Leichenteile geborgen. Wir legen hier an der Ruine des Senders für die 16 Toten Blumen nieder, neben ein Schild mit dem Motto unserer Reise »Dialog von unten statt Bomben von oben«.

Kragujevac, die Stadt der Zastava-Automobilwerke, ist seit der Bombardierung des Betriebes die Stadt der Arbeitslosen. Von den 200.000 Einwohnern haben durch die elf Angriffe auf das Werk 37.000 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verloren. Hinzu kommen die indirekt Betroffenen der Zulieferbetriebe, für deren Produkte es keine Abnehmer mehr gibt. Beim Begrüßungsgespräch im Gewerkschaftshaus schildert die Vorsitzende Rusica Milsavljovic die Folgen der Bombardements für die Stadt und spricht von einer humanitären Katastrophe. Das Gespräch findet während eines Alarms statt. Wir nehmen wahr, dass sich die etwa 30 versammelten Zastava-Kolleginnen und Kollegen durch zwei entfernte Detonationen nicht irritieren lassen. Eine Frau zuckt die Achseln: »Wir versuchen, normal weiterzuleben.« (…)

Wegen des andauernden Alarms müssen wir die Besichtigung des zertrümmerten Zastava-Werkes auf morgen verschieben. Es ist ein traumhaftes Sommerwetter, die Akazien verblühen gerade. Rote Mohnfelder in der Hügellandschaft, bunte Häuser in den Feldern, ein weiter Blick. Was für ein schönes Land! Hoch oben das Sirren von Flugzeugen. Sehr fern schießt die Flak. (Aus den Tagesberichten aus Jugoslawien, 24. bis 28. Mai 1999)

Eckart Spoo