Für eine starke Zivilklausel an der Uni Kassel
Aktionswoche gegen die Militarisierung unserer Uni 19. bis 23. Oktober 2026Der Senat der Universität Kassel plant, in seiner Sitzung am 4. November 2026 eine Änderung der Grundordnung der Universität zu beschließen. Dort ist in der sogenannten Zivilklausel bislang geregelt, dass Forschung und Entwicklung, Lehre und Studium ausschließlich friedlichen Zielen verpflichtet sind und zivile Zwecke erfüllen sollen. Die vorgesehene Neuformulierung würde künftig militärische Forschung, Entwicklung, Lehre und Transfer ermöglichen. Das hat zu großen Protesten und anhaltenden Diskussionen innerhalb der Universität geführt.
Die Initiative Zivile Universität Kassel ist ein Bündnis von Beschäftigten unterschiedlicher Statusgruppen, Fachbereiche, Einrichtungen und Abteilungen. Wir sprechen uns für den Erhalt und die Stärkung der Zivilklausel aus.
Das Programm der Aktionswoche
hier öffnen.10 Gründe für eine starke Zivilklausel
1. Aktueller Reformvorschlag = Abschaffung der Zivilklausel
Der im Senat zur Abstimmung vorgelegte Änderungsvorschlag der Zivilklausel bedeutet letztlich deren Abschaffung. Die
vorgeschlagene Neuformulierung weicht den zivilen Charakter von Forschung und Lehre auf. Demnach könnten Forschung, Entwicklung, Lehre und Transfer in Zukunft militärische Zwecke verfolgen. Entsprechend handelt es sich nicht mehr um eine ZIVILklausel. Allgemeine Formulierungen wie „Wahrung des Friedens“, „Vermeidung von Krieg“ oder „Stärkung der Demokratie“ klingen eindeutig, bleiben aber offen für gegensätzliche Interpretationen. Weltweit werden (Angriffs-)Kriege und bewaffnete Konflikte mit diesen Begriffen legitimiert. Weil die Begriffe Demokratie, Frieden und Kriegsvermeidung offen sind für verschiedene Auslegungen, ermöglichen sie keine klare Orientierung für den Senat oder von ihm eingesetzte Kommissionen.2. Abgrenzung von zivil & militärisch bleibt wichtig
Es wird argumentiert, die Zivilklausel sei nicht mehr zeitgemäß. Die Grenzen zwischen zivilen und militärischen Vorhaben seien fließend, wissenschaftliche Forschung und Entwicklung könnten auch für andere Zwecke benutzt werden als ursprünglich angedacht (Dual Use). Entscheidend ist aber, zu welchem Zweck geforscht wird und wer die Forschung beauftragt. Die Tatsache des Dual Use entbindet eine öffentliche Hochschule nicht von ihrer Sorgfaltspflicht, entsprechende Risiken und Konsequenzen zu prüfen. Solche Entscheidungen können nicht an einzelne Forschende delegiert werden. Wir schlagen vor, dass der Senat die bestehende Zivilklausel um eine unabhängige Ethikkommission ergänzt, in der sämtliche Statusgruppen vertreten sind. Die Ethikkommission prüft strittige Forschungsvorhaben nach transparenten Kriterien und klaren Begrifflichkeiten. Dazu braucht sie eine klare Handlungsanweisung. Diese ist in der bestehenden Klausel gegeben, nicht aber in der Neuformulierung.
3. Militärische Lehre / Forschung / Entwicklung / Transfer widersprechen dem Profil der Universität
Das Alleinstellungsmerkmal der Universität Kassel ist ihr ganzheitlichen Ansatz in Forschung, Entwicklung, Lehre und Transfer, der für
eine sozial gerechte, ökologisch wie ökonomisch tragfähige Zukunft steht. Forschung, Lehre und Transfer sollen zur Erfüllung der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beitragen. Dafür wurde 2022 das
Kassel Institute for Sustainability (KIS) gegründet. Sowohl Rüstungsforschung als auch die Entwicklung militärischer Güter stehen diesem Selbstanspruch entgegen. Die
globale Aufrüstung heizt Klimawandel und Artensterben weiter an, während die steigende Anzahl von Kriegen und bewaffneten Konflikten Armut, Hunger und
Geschlechterungleicheiten verstärken. Die Universität Kassel macht sich unglaubwürdig, wenn sie die seit 2013 bestehende Zivilklausel abschafft.4. Sicherheit braucht zivile Mittel & Forschung
Es wird oft behauptet, Rüstungsausgaben wären für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands notwendig und damit zusammenhängende Forschung brächte mehr Sicherheit. Wessen Sicherheit auf welche Weise erreicht wird, bleibt dabei jedoch unklar. In einem HNA-Interview im Mai 2025 betonte daher auch die Präsidentin der Universität Kassel,
Ute Clement „Sicherheit beschränkt sich in unserer Zeit nicht mehr auf Panzer.“ Soziale, ökonomische und ökologische Sicherheit sind zentrale gesellschaftliche Herausforderungen besonders in Zeiten, in denen soziale Ungleichheit, bewaffnete Konflikte und Gewalt gegen Minderheiten zunehmen und die Folgen der Klimakatastrophe sich weiter intensivieren. Für diese Themen gibt es an der Universität Kassel in Forschung, Entwicklung und Lehre Expertise, die es auszubauen gilt, etwa in den Bereichen soziale Verteidigung, ökologische und digitale Resilienz, Friedensforschung, Konfliktprävention und Katastrophenschutz. Durch den Erhalt der Zivilklausel kann die Universität einen gesellschaftlich relevanten Beitrag zu umfassender Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit leisten.5. Die Rüstungsindustrie strebt nicht nach Sicherheit, sondern nach Gewinn
In den vergangenen 10 Jahren sind die weltweiten Rüstungsausgaben stetig gestiegen. Jährlich werden
weltweit knapp 3000 Milliarden US-Dollar für Rüstungsgüter ausgegeben. Deutschland gehört nach den USA, China und Russland zu den Ländern mit den weltweit höchsten Ausgaben für militärische Zwecke. Von den gigantischen öffentlichen Investitionen profitieren vor allem private Rüstungskonzerne. In Kassel sind dies zum Beispiel Rheinmetall und KNDS, die unter anderem Panzer in Kassel herstellen. Allein der Aktienwert von Rheinmetall stieg in den letzten 10 Jahren um mehr als
1600 Prozent. Für Rüstungsunternehmen ist die aktuelle Weltlage also
sehr profitabel. Diplomatie und nicht-militärische Konfliktlösungen sind nicht Teil ihres Geschäftsmodells. Dieses ist vielmehr
auf Rüstungsexport und Investitionen auch in Konfliktstaaten angewiesen. Kooperationen mit der Rüstungsindustrie in Forschung, Entwicklung, Lehre und Transfer verbinden die Universität immer stärker mit den wirtschaftlichen Interessen dieser Unternehmen. Auch Kooperationen mit staatlichen Stellen wie dem Verteidigungsministerium vertiefen die Logik des Krieges an Universitäten und untergraben unabhängige Forschung und Lehre.6. Wissenschaftsfreiheit & Hochschulautonomie schützen
Es wird immer wieder behauptet, die Zivilklausel stelle einen unzulässigen Eingriff in die individuelle Wissenschaftsfreiheit dar. Diese Behauptung ignoriert, dass eine demokratisch beschlossene Zivilklausel Ausdruck der kollektiven Wissenschaftsfreiheit ist. Als kollektive Freiheit kann sie bindende Wirkung haben und der individuellen Wissenschaftsfreiheit Grenzen setzen. Die friedliche Ausrichtung öffentlicher Institutionen ist zudem an zahlreichen Stellen
im Grundgesetz verankert. Es gibt aber vermehrt
politische Versuche, in die Wissenschafts- und Hochschulautonomie einzugreifen. Mehrere Monate vor Beginn der Debatte zur Reformierung der Zivilklausel im Senat kündigte das
hessische Wissenschaftsministerium nach einem Treffen mit Unternehmen der Rüstungsindustrie an, „einen umfassenden Dialogprozess zu sicherheitsrelevanter Forschung und zu Zivilklauseln“ mit den Hochschulen zu starten. Sich für die Zivilklausel einzusetzen, bedeutet also auch, Hochschulautonomie und Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen.7. Für eine solide Grundfinanzierung der Hochschulen
Der politische Druck gegen die Zivilklausel nimmt zu jenem Zeitpunkt zu, da die drastischen Kürzungen der Hochschulfinanzierung durch die hessische Landesregierung durchgesetzt sind. Allein 2026 stehen den hessischen Hochschulen
30 Millionen Euro weniger als geplant zur Verfügung. Stellen werden nicht nachbesetzt und die Arbeitsbelastung der Beschäftigten steigt. Gleichzeitig investiert die Landesregierung 25 Millionen Euro in die private Rüstungsindustrie und den Aufbau des
„Defence Hub Nordhessen“. Öffentliche Mittel werden freigiebig an profitorientierte Rüstungsunternehmen vergeben, während an Bildung und Wissenschaft als Zukunftsinvestitionen gespart wird. Statt darauf zu setzen, dass private Rüstungskonzerne öffentliche Universitäten aus der Misere führen, gilt es, für die verlässliche und solide Grundfinanzierung der Hochschulen einzutreten.8. Demokratische Wissenschaft für das Menschen- & Völkerrecht
Die Universität Kassel setzt seit vielen Jahren auf die Internationalisierung von Forschung und Lehre. Internationalen Kolleg*innen und Studierenden kommen häufig aus Krisen- und Kriegsgebieten, in denen auch
Waffen aus Deutschland für Menschenrechtsverbrechen eingesetzt werden oder wurden (das gilt unter anderem für Syrien, Afghanistan, Israel/Palästina, Sudan, Mexiko und Kolumbien). Zudem pflegt die deutsche Bundesregierung militärische Kooperationen mit zahlreichen Ländern, die für
weitreichende Menschenrechtsverbrechen verantwortlich sind bzw. selbst aktive Kriegsparteien sind (Ägypten, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Israel). Der Universität Kassel gehören Kolleg*innen und Studierende an, die vor autoritären Regimen flohen, in denen kritische Wissenschaft und freie Meinungsäußerungen verfolgt werden (etwa die Türkei, Russland oder Iran). Sie berichten, wie die militärische Aufrüstung der Staaten auch mit der Militarisierung der Gesellschaft einhergeht und wie unbequeme Stimmen aus Wissenschaft, Journalismus, und Zivilgesellschaft sowie gesellschaftliche Minderheiten ins Visier staatlicher Behörden gelangen. Die Ankündigungen eines AfD-Spitzenpolitikers, den
Ausbau der Rüstungsindustrie auch für Abschiebungen von Menschen nutzen zu wollen, liefert ein aktuelles Beispiel. Der Erhalt der Zivilklausel ist eine demokratische Maßnahme, um national und international autoritären Entwicklungen vorzubeugen.9. Campus & Stadt als Mahnmal
Der Hauptcampus der Universität Kassel befindet sich auf dem Gelände der früheren Henschelwerke. Henschel & Sohn war eines der bedeutendsten Rüstungsunternehmen des nationalsozialistischen Deutschlands. Die Werke und 80 Prozent der Stadt Kassel wurden 1943 von britischen Bombern im Kampf der Alliierten gegen den kriegsführenden NS-Staat zerstört. Der Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg erfolgte nach Plänen nationalsozialistischer Architekten und Stadtplaner, die Straßen für Panzerparaden entworfen hatten. Auch heute werden auf diesen Straßen Panzer transportiert. Die großen in Kassel ansässigen Rüstungsfirmen – KNDS und Rheinmetall – haben ihre
unternehmerischen Wurzeln in der Kaiserzeit
und verdienten kräftig am Ersten und am Zweiten Weltkrieg. Heute gehören sie zu den profitabelsten Unternehmen des Landes. Kassel ist der bedeutendste Rüstungsstandort Hessens. Campus und Stadt aber mahnen: Kriegsindustrie bringt Zerstörung, auch der eigenen Bevölkerung. Für den Erhalt und die Stärkung der bestehenden Zivilklausel einzutreten heißt, aus der Geschichte zu lernen und dafür Verantwortung zu übernehmen.10. Die Neuformulierung der Zivilklausel birgt konkrete Risiken für Beschäftigte & Studierende
Eine Folge der Aufweichung der Zivilklausel ist die potenzielle Öffnung der Grundordnung der Universität für militärische Logiken. Diese Entwicklung reiht sich in aktuelle Bestrebungen ein, die Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Deutschland zu
„versicherheitlichen“. Damit ist nicht ein Zugewinn an Sicherheit für Studierende und Beschäftigte gemeint, im Gegenteil: Mit der Neuformulierung der Zivilklausel könnten damit einhergehende erhöhte Sicherheitsstandards am Campus die Bewegungsfreiheit einschränken, Verschwiegenheitsklauseln könnten zunehmend verlangt werden. Kolleg*innen könnten trotz geäußerter ethischer Bedenken aufgefordert werden, in militärischen Forschungsprojekten mitzuarbeiten oder diese finanziell oder anderweitig mitzuverwalten.Impressum Datenschutz info@zivile-uni-kassel.de
Quelle:
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