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Stellungnahme zu Antisemitismusvorwürfen

Foto: privat
Stellungnahme des Café Buch-Oase zur Vorlage Nr.101.20.191 von Fraktion FDP/Freie Wähler zum Umgang mit Antisemitismusvorwürfen bei der Kasseler Museumsnacht.

Oktober 2026

Wir begrüßen es, dass der Oberbürgermeister der Stadt Kassel und das Kulturamt uns ermöglicht haben, dass wir erneut eine Ausstellung im Rahmen der Museumsnacht präsentieren konnten. Es wäre für das Image von Kassel als weltoffene, tolerante Stadt, die nächstes Jahr eine internationale Kunstausstellung ausrichtet, auch mehr als abträglich gewesen, wenn man aufgrund von nicht belegten Vorwürfen der Gruppe „BgA“ (Bündnis gegen Antisemitismus) der Buch-Oase eine solche Teilnahme verwehrt hätte.

Nun sind die Anfragen, die die Fraktion FDP/Freie Wähler an das Stadtparlament stellt, unzweifelhaft als Suggestivfragen zu erkennen, die den Vorwurf des Antisemitismus gegen die Buch-Oase erhärten sollen. Sie dienen dem Ziel, die Zivilgesellschaft dieser Stadt zu spalten, Gäste der Buch-Oase zu verunsichern und eine zukünftige Teilnahme der Buch-Oase an einer Museumsnacht zu verhindern. Darüber hinaus soll der Eindruck erweckt werden, als hätten der Oberbürgermeister und das Kulturamt ihre Pflichten im Kampf gegen Antisemitismus nicht korrekt erfüllt.

In einem Punkt geben wir den Antragsstellern Recht:
„Die Kasseler Museumsnacht trägt als öffentlich mitveranstaltetes Kulturangebot besondere Verantwortung für ein respektvolles und diskriminierungsfreies Miteinander.“ Dieses Gebot sollte grundsätzlich für alle Institutionen und Bewohner*innen dieser Stadt gelten. Auch wir erwarten für uns und unsere ehrenamtliche Arbeit Respekt und Diskriminierungsfreiheit, dies gilt auch gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, gegenüber Muslimen und auch gegenüber Menschen jüdischen Glaubens. Wer allerdings dieses selbstverständliche Gebot nur für Menschen jüdischen Glaubens einfordert, aber Menschen mit einem anderen kulturellen, religiösen oder ethnischen Hintergrund bewusst ausgrenzt, der spaltet.

Das Selbstverständnis des Café Buch-Oase ist stattdessen auf einen respektvollen, sachlichen Dialog und auf eine menschliche Begegnung ausgerichtet, ein Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen willkommen sind und sich austauschen können.

In unserem Selbstverständnispapier, das von mehreren Hundert Nutzern und Gästen unterzeichnet wurde, heißt es unter anderem: „Wir sind parteiisch im Sinne einer Ethik des Humanismus, so wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948) formuliert wurde. Kein Mensch darf wegen seiner ethnischen Herkunft, seiner sexuellen Orientierung oder seiner religiösen Überzeugungen verfolgt, ausgegrenzt, unterdrückt oder gedemütigt werden. Die Verhältnisse im Nahen Osten sind ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Auch in Zukunft werden wir mit Vertretern der palästinensischen und israelischen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, die sich für ein Ende der Besatzung und ein Ende der Blockade Gazas einsetzen. Wegen dieses Engagements werden wir, Referenten, Gäste und Gruppen, die unsere Räume nutzen, immer wieder von angeblichen „Freunden Israels“ als „Antisemiten“ verleumdet und persönlich diffamiert.
Dazu der israelische Friedensaktivist Uri Avnery: „Der Kampf gegen den Antisemitismus muss ein Teil des Kampfes gegen alle Arten von Rassismus gegen Muslime in Europa, gegen Schwarze in Amerika, gegen Kurden in der Türkei oder Palästinenser in Israel oder Fremdarbeiter überall sein.“ (19.März 2006)

Es versteht sich von selbst, dass Rassisten, Gruppen und Parteien, die an die Stelle von Solidarität völkisch-nationalistisches Denken stellen und Menschen gegeneinander aufhetzen, keinen Zutritt zum Café Buch-Oase erhalten.“
„Hass auf Juden, nur weil sie Juden sind“ und ebenso „Hass auf Institutionen nur weil sie jüdisch sind“, lehnen wir genauso ab wie die Vorstellung eines jüdischen Kollektivs. Wir wissen sehr genau um die Differenziertheit der israelischen Bevölkerung wie auch der Juden in der Diaspora: nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Juden, nicht alle Juden sind religiös, nicht alle identifizieren sich mit Israel und seiner rechtsextremen Politik. Eine deutliche Ablehnung des israelischen Staates, der palästinensische Menschen unterdrückt, vertreibt, massenhaft tötet und verletzt, ist für uns nicht antisemitisch und wird von vielen Juden weltweit geteilt.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Phillipe Sands, der sich als Anwalt des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag für die Aufklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit einsetzte. Seine Dankesrede enthielt eine Mahnung an Deutschland, wenn er fordert: “Autorinnen und Journalisten, Sänger und Dichterinnen, Filmemacher und andere müssen ihre Geschichten erzählen können“ Deutschland habe viele Gräuel angeprangert, doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland sei das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich seien die Debattenbeschränkungen beunruhigend.
Diese Mahnung sollten sie ernst nehmen und sich nicht auf eine Gruppe stützen, die mit Denunziationen, Diffamierungen und Beleidigungen unter dem Deckmantel eines Kampfes gegen den Antisemitismus genau das Schweigen und die Debattenbeschränkungen fördert, die Phillip Sands beklagt.

Wir beenden diese Stellungnahme mit einem Zitat von Edward Said, der gemeinsam mit Daniel Barenboim 1999 das West-Eastern Divan Orchester gründete, in dem junge arabische und jüdisch-israelische Musiker*innen zusammenspielen.
„Humanismus ist die einzige, genauer, die letzte Verteidigungslinie, die wir haben, um uns gegen die unmenschlichen Exzesse und Ungerechtigkeiten zu wehren, die unsere Menschheitsgeschichte verunstalten. Wir gehen davon aus, dass die Trennung von Menschen und Völkern keine Lösung der Probleme ist, die zwischen ihnen liegen. Und gegenseitige Ignoranz ist das größte Übel. Zusammenarbeit und Koexistenz hingegen, so, wie wir sie in der Musik gemeinsam erleben, erspielen und lieben – das ist unser Ziel. (E.Said, https://www.barenboimsaid.de)

Dana Al-Najem, Jörg Uloth und Unterstützer*innen der Buch-Oase
Germaniastr.14, 34119 Kassel

Diese Stellungnahme kann hier ausgedruckt und unterschrieben werden.